Feminismus verpackt unter einer langen Haarpracht

Also jetzt mal ehrlich, Donnerstag ist. Und was flimmert seit 10 Jahren Donnerstag Abend auf den heimischen Bildschirmen? Richtig. Germany’s Next Topmodel. Jetzt bin ich mal ausnahmsweise ehrlich und oute mich als regelmäßige GNTM-Schauerin. Jedes Jahr wieder finde ich Heidi’s Grinsen unerträglicher, die „nächsten“ Topmodels noch verwechselbarer und die Überraschung, dass es bei der dritten Folge nach L.A. geht, auch nicht innovativer. Und höre ich deshalb auf es zu schauen? Nein. Ich bin angefixt und das find ich auch okay. Ab und zu brauchen wir einfach unsere Dosis Bullshit. Und hey, gebt es zu jeder da draußen hat so sein schmutziges kleines TV-Geheimnis.

So, soweit so gut. Aber was letzte Woche bei dem Format abging, war sogar für meine hart gestählten Nerven zu viel: Umstyling! Yessss, Freude, da gibt es immer Drama. Und auch diesmal mussten einige Haare dran glauben und radikal ab. Mein Favorit war eine Pony-reitende Blondine namens Kim. Fast bis zum Po lange Wallemähne und genau die sollte in den Augen der Jury ab. Ich freue mich wie ein teuflischer Teenager auf die Tränen. Die lassen auch nicht lange auf sich warten. Es wird rumgeheult und gebettelt. Aber nichts da. Die gute Dame darf sich entscheiden: ratz fatz Haare ab oder ab nach Hause. Alles noch relativ bekannt, doch ihre Aussagen lassen die Feministin in mir laut aufschreien:

„Ich mag noch immer keine kurzen Haare an Frauen.“

„Ich weiß mein Freund wird kein Problem damit haben, aber ich würd’s auch verstehen, wenn er es mega unsexy findet.“

„Es gibt so viele Mädchen die haben hässliche Haare, aber da müssen sie ja nicht meine nehmen.“

„Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mal einen Kurzhaarschnitt trage, weil ich das so hässlich finde.“

 

Wow, mein Herz bricht, wenn ich so etwas höre. Aber ich verstehe es sogar. Man ist jung, hat noch weniger Selbstbewusstsein, weil das ja auch bekanntlich mit den Erfolgen wächst, aber wieso definieren wir uns Frauen immer noch selbst nur über das Aussehen? Wir sind so viel mehr, als Haare (die übrigens überraschenderweise auch wieder nachwachsen) oder Klamotten oder unsere neuen Schuhe. Klar, gibt uns das oft ein gutes Gefühl, aber das was wirklich zählen sollte ist unsere Intelligenz, unser Humor, die Spontanität und noch so vieles mehr.

Ich selbst hatte in den vorangegangen 28 Jahren wohl schon jede Frisur von Babylocke über Langhaarafro bis zu „shorter is not possible“-Friese. Manches, vor allem letzteres, würde ich vielleicht nicht wieder machen, aber hey bereuen ist nicht. Während all meiner Frisuren- und auch Farbwechsel (und davon gab es einige) habe ich genauso jede Boyfriend-Reaktion im Sortiment. Da war alles dabei: von „Bist du verrückt geworden, ich find’s schrecklich. Das ist nicht mehr die Person mit der ich zusammen gekommen bin“ bis zu „Ich lieb dich deinetwegen und du siehst wunderschön aus“. Ich bin mit beiden Männern nicht mehr zusammen, aber ratet mal welcher nach wie vor einer meiner besten Freunde ist? 😉

Die coolsten Frauen „im Business“ hatten in den letzten Jahren alle mal kurze Haare und waren in meinen Augen deshalb noch großartiger. Uh, positive Diskriminierung?

 

Ich will damit einfach sagen: lasst uns mal richtig gediegen auf das scheißen was andere sagen und machen was wir wollen. Und das gilt beim besten Willen nicht nur für uns Mädels, sondern auch für die großartigen Burschen da draußen: Bock auf lange Haare? Hey, kein Ding, hau rein! Schubladendenken ist sowas von 2015- mehr Vielfalt für 2016!!

Weil ich einfach nie weiß wann Schluss ist, gibt es jetzt noch ein ganz besonderes Gustostückerl: My neck, my back Ladet es euch einfach auf euer Handy, mp3-Player oder Discman und hört es euch an, wenn ihr in einer überfüllten U-Bahn steht. Schmunzeln garantiert. Falls ihr mich also mal mit Kopfhörern vor sich hin grinsend irgendwo seht: ihr wisst was ich höre!

 

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5 Kommentare

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  1. julia sternberger 3. März 2016 — 20:58

    …und gaaaanz arg ist ja auch der Kommentar von Kim’s Freund gewesen. Da hätt ich fast wieder zu rauchen begonnen vor lauter Schreck, als mir deren Wertesystem klar wurde.
    Ups, jetzt hab ich mich auch als Angefixte geoutet 😉
    PS die mit dem Nasenring find ich gut. Erkennt man auch leicht.

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  2. „wieso definieren wir uns Frauen immer noch selbst nur über das Aussehen?“

    Beide Geschlechter orientieren sich natürlich daran, was das André Geschlecht in der Partnerwahl besonders berücksichtigt. Den das spielt aus evolutionären gründen für und eine wichtige Rolle, auch in der intrasexuellen Konkurrenz (die einer der Gründe ist aus dem gerade Frauen auch gern gntm schauen). Das ist bei beiden Geschlechtern natürlich körperliche Schönheit, wozu auch die Haare zählen. Gerade lange Haare sind ein guter Informationsspeicher für die Vergangenheit, zB Ernährung etc und insoweit über ihren zustand aussagekräftig für sie Frage ob die Person eine gute Wahl war (in evolutionär wirksamen zweiten, als Nahrung noch knapp war). Bei Männern tritt neben Schönheit u insbesondere noch status und Platz in der Hierarchie, weswegen Schönheit eine geringere Rolle spielt

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    • Danke für deinen wirklich interessanten evolutionstechnischen Ansatz, der auch richtig spannend ist. Allerdings denke ich, dass sich über die Jahrtausende hier doch einige Strukturen verändert haben und verändert gesehen werden müssen, da nun zB auch das männliche Aussehen einen höheren Stellenwert hat, genauso wie die Abnahme der Wichtigkeit von Status und Platz in der Hierarchie. Aber wie gesagt: spannende Erklärung!!

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