Ein grenzdurchbrechendes Festival

Also jetzt mal ehrlich, wieso wegfahren, wenn man in Wien und Umgebung doch auch so viel Schönes unternehmen kann? (Sagte, die die sich am Donnerstag auf zu einem Roadtrip macht.) Aber Scherz beiseite, am Samstag war ich mit Mister Ehrlich, seinem Schwesterherz und einer gemeinsamen Freundin endlich mal am Donaufestival in Krems.

Das Festival ist ein runder Mix aus Kunst, Kultur und Musik und verteilt sich über die ganze Stadt Krems, die meines Erachtens sowieso viel öfter besucht werden sollte. Und ja, die Performances und Ausstellungen sind vielerorts nicht leicht verdaubar. Hier möchte ich Herrn Ehrlich zitieren, die gestern beim Resümee es folgendermaßen treffend ausgedrückt hat: „Bei vielem muss man sich schon anstrengen, es gut zu finden.“ Das heißt nicht, dass es nicht gut ist, sondern es ist schlichtweg anspruchsvoll und nichts für einen „ladida“-Samstag à la ich kipp mir einen hinter die Binde und versuche mich am nächsten Tag zu erinnern wo ich zum Teufel hier noch einmal bin. Zugegeben eine Vielzahl an Heurigen und ein paar Spritzweine sind herrliche Wegbegleiter, um das ein oder andere gesehene zu verarbeiten. Aber von Anfang an:

Unsere Tour haben wir am frühen Nachmittag im Klangraum und der dazugehörigen Minoritenkirche begonnen, wo uns ein paar sphärische Klänge durchströmen sollten. War definitiv interessant, aber bei dem schönen Wetter hat es uns dann doch wieder nach draußen und in Richtung der Kunsthalle gezogen, wo ganztägig diverse Ausstellungen zu begutachten war. Der erste Raum (Farben von Stefan Sandner) sah so aus, als hätte jemand meine Anrufkritzeleien aus dem Mülleimer gesammelt, auf Leinwandgröße gedruckt und dann als Kunst bezeichnet. „Ist das Kunst oder kann das weg?“, wäre wohl der Titel gewesen. Nach und nach wurden die weiteren Installationen aber besser und bei einem Raum ausgeklebt mit den Standardkullis war ich dann einfach nur begeistert. Nur zu gut, dass kurz zuvor darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich meinen Rucksack doch bitte vorne tragen soll! Da hatte ich ein einfaches Spiel mal das ein oder andere Erinnerungsstück mitzunehmen.

Kurze Verschnaufpause bei hipsterigsten Spot in Krems: einem kleinen Kunstatelier, das eine wirklich verstörende Installation zeigte (dunkler Raum mit ein paar nackten Babypuppen und einem rot beleuchteten Apfel, das ganze bei ausgezogenen Schuhen). Als Entschädigung (oder zur Beruhigung) gab es danach gegen eine freie Spende höchst deliziösen Wein oder, wie in meinem Falle, Afri Kola (was sonst trinkt ein Hipster?).

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Hipstercafé mit gruseliger Babypuppenausstellung

Zurück in der kühlen Minoritenkirche aka Klangraum spielte dann Station Rose auf, ein Künstlerduo, das eine der ersten Medienkünstler Österreichs waren. Doch der Hunger knurrt und so spazieren wir den Hügel hinauf und landen beim Heurigen Hamböck inklusive tollem Blick über die schöne blaue Donau. Diverse Platten und ein paar „Heckenklescher“ später geht es dann in den Stadtkern, wo die Nachspeise in Form von Murli-Bechern auf uns wartet. Portionierter Rassismus oder einfach nur ein süßer Kosename für die Katze? Genau das wird sogleich bei der sogenannten Kunstinspektion diskutiert. Julius Deutschbauer, David Jagerhofer und Barbara Ungepflegt haben während der gesamten Festivalzeit eifrigst Anzeigen aufgenommen und sind denen, soweit sie nicht zu haltlos waren, nachgegangen. Einige der spannendsten Fälle wurden bei der Abschlussrunde alias „Denunzieren und Lamentieren“ im Stadtcafé vorgestellt und diskutiert. Da gab es einen Sohn, der seinen Vater, (roter) Bürgermeister von Gemeinde xy, angezeigt hat, weil der es bis dato unterlassen hat die Plakatständer des roten Bundespräsidentenkandidaten gegen die von Van der Bellen auszutauschen. Es gab Wein, Unmengen an Schnaps, Knabbereien und Zigarettenrauch. Man kam sich vor wie in einem 90er Inspektorat in Wien. Herrlich!

Doch irgendwann muss das schönste Lamentieren ein Ende haben und so haben wir noch einmal den fragwürdigen blauen FPÖ-Handschuh des Lokals kopfschüttelnd in Augenschein genommen und uns schlussendlich auf zum Messegelände gemacht. Denn dort sollte um 20 Uhr die neueste Performance des Künstlerkollektivs God’s Performance mit dem Namen „Niemand hat euch eingeladen“ stattfinden. Umkämpfte 140 Zuschauerplätze gab und unsere illustre Truppe war ein Teil davon. So standen wir dann eine halbe Stunde hinter Gittern vor dem Merchandisestand der neben Snapchat-Lustigkeiten unsere einzige Unterhaltung für die nächste halbe Stunde sein sollte. Harndrang war nicht, denn zum Klo durfte man nicht und auch das Buffet war Sperrzone und nur für die auf der anderen Seite, siehe hinter der Absperrung, begehbar.

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Abend-Festivalstimmung

Als es dann kurz nach 8 losging und man uns in dem Raum entließ, spürte man von Minute 0 an eine tiefgehende aggressive Stimmung, die von ein paar nackten Performern an Halsketten verstärkt wurde. Schnell wird man in die angsterfüllte Emotion geführt und merkt wie man an seine eigenen Grenzen stößt. Während der 1,5-stündigen Performance habe ich mich nicht nur einmal gefragt, was ich hier eigentlich mache. Ich bin doch keine, die Flüchtlingen und Asylwerbern ein hasserfülltes „Niemand hat euch eingeladen“ entgegen schmettert. Was mache ich hier eigentlich? Aber genau diese Grenzerfahrung ist von God’s Entertainment auch so gewollt und produziert, um ein kontinuierliches Weiterdenken und Tun zu erwirken. Zugegeben, zu einem Schnaps danach hätte ich nicht nein gesagt, aber als brave Autofahrerin habe ich mich an den Almdudler und die Musikacts danach gehalten.

Wie schon am Anfang erwähnt ist das Donaufestival bestimmt nichts für schwache Nerven (und ja, ich zähle mich auch zu den Zartbesaiteten), aber dennoch etwas das ich jedem, der mal etwas anderes sehen und machen will, nur wärmstens empfehlen kann. Geht in Krems an Eure Grenzen und durchbrecht sie!

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